Schöllkopfsturz HerzBaracke

 


Ein Stück Burger. Aus dem Roman DIE KÜNSTLICHE MUTTER (1982)
Der Fall Schöllkopfs - Ermordung eines Privatdozenten

 

Gastspiel  30. Mai 2009 um 20 Uhr | Schlosserei des Deutschen Theaters Göttingen

 

 

Gastspiel eingerichtet von werkstatt f. 05.
Mit Florian Eppinger (Text) und Fred Kerkmann (Musik).
Aufführungs-Leserechte: S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.

 

Vor zwanzig Jahren, am 28. Februar 1989, setzte der Schriftsteller Hermann Burger, im achtundvierzigsten Jahr, seinem Leben ein Ende. Ein Anlass sich seiner und seines Werkes zu erinnern. Und eine Herzensangelegenheit. Salü Hermann!


Die Sonne. Die Liebe. Der Zirkus.

Der Schmerz. Das Gelächter. Der Tod.

Der Sohn und die Geliebte.

Herz springt gegen Verstand.

Und wie notwendig Freiheit ist.

 

 

 
Über Hermann Burger
 
Die Menschen, von denen Burger erzählt, sind allesamt wunderliche Individuen. Sie geraten in die Nähe gefährlicher Abgründe, sie verstricken sich in mehr oder weniger komplizierte Wahnsysteme. Es sind um ein in den fünfziger Jahren beliebtes Wort zu verwenden „unbehauste Menschen“. Burger gelingt es immer wieder, phantastische und realistische Elemente ganz selbstverständlich miteinander zu verquicken. Die Skala seiner manieristischen, wenn auch nie manierierten Prosa reicht von verhaltenen poetischen bis zu wütenden rhetorischen Ausbrüchen, von mächtigen Tiraden bis zu feuilletonistischen Einschüben. Trotz der Vielfalt der Mittel ist das Buch von verblüffender Einheitlichkeit - und das Dank Burgers sprachlicher Kraft, dank der prallen Sinnlichkeit, der Anmut und Anschaulichkeit seiner Diktion. In diesem Schweizer haben wir einen Stilisten, dem nur ganz wenige deutschsprachige Schriftsteller der jüngeren und mittleren Generation das Wasser reichen können.                                                         Marcel Reich-Ranicki

 


Seine Leser dürfen damit rechnen, dass er sich selbst übertrifft. Er kann sie sogar vergessen lassen, dass sie Zeugen eines unheimlichen Schauspiels sind – Zeugen, denn als solche, nicht nur als Zuschauer, beansprucht er sie. Er braucht ihre Irritation; denn dass sie ein Schauspiel sehen, lässt er sie nicht vergessen. Er rekonstruiert den Trauerfall vor ihren Augen, denen sie nicht trauen: so viele Todesarten, und jede authentisch? Ein so glaubwürdiger Tod, und nur gespielt? Was sehen sie denn wirklich? Einstweilen retten sie sich ins Zuschauen, wenn auch mit angehaltenem Atem. Sie glauben zu wissen, dass sie mit dem erlösenden Schlussapplaus zuwarten sollen, um die prekäre Balance dort oben nicht zu stören. Sie glauben nur zu gern, dass doch nichts passieren kann: der Akt ist ja tod-sicher (wie das Leben). Ist der Artist nicht souverän genug, ihnen auch noch vorzuspielen, es sei gar nichts dabei? Dieses Spiel durchschauen sie am leichtesten: ein Blinder sieht, dass der Akt einmalig ist. Sie lachen in gerührter Bestürzung, wenn er versichert, er tue nur seine Schuldigkeit für ihr Geld. Das Understatement des Artisten, seine Noblesse! Die angenommene Frechheit, die seine wirkliche Kühnheit so menschlich erscheinen lässt! Sein Spiel bleibt perfekt, auch das mit der Trauer; man verkneift sich den Zusatz, dass es „nur“ ein Spiel sei. Gibt es einen größeren Freiheitsbeweis als das Spiel? Sieht es nicht aus wie ein Trost für alles, was da gespielt werden mag? Wie anders als im Spiel könnte man nach Schiller – „ganz Mensch“ sein?                                                                                                                                                        Adolf Muschg